Mehrere Personen aus unserem Netzwerk „Zeugnis Zeugen“ haben im April 2026 an zwei aufeinanderfolgenden Seminaren in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme teilgenommen. Um einen Eindruck von der Atmosphäre und dem Kontext dieser Angebote zu vermitteln, folgt zunächst ein kurzer Überblick zur Geschichte des Ortes.
Kurz zur Geschichte des Ortes
Ende 1938 richtete die SS auf dem Gelände einer stillgelegten Ziegelei in Hamburg-Neuengamme zunächst ein Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen ein. Bereits im Frühsommer 1940 wurde daraus das eigenständige Konzentrationslager Neuengamme. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs entwickelte es sich mit über 85 Außenlagern, die vor allem für Bauprojekte und Einsätze in der Rüstungsindustrie in Norddeutschland genutzt wurden, zum zentralen Konzentrationslager im Nordwesten Deutschlands. Insgesamt verloren mindestens 42.900 Häftlinge ihr Leben.
Nach der Übernahme des Geländes durch die britische Besatzungsmacht wurde dort ein Internierungslager für Kriegsverbrecher, zivile Funktionsträger und SS-Angehörige eingerichtet, das 1948 wieder aufgelöst wurde. Im selben Jahr wurden die meisten Baracken bis auf ihre Grundmauern abgetragen. Auf Teilen des ehemaligen Lagergeländes entstand anschließend ein Gefängnis. Erst Ende der 1960er-Jahre wurde auf Druck von Opferverbänden ein Mahnmal errichtet. Die Verlegung der später zwei Gefängnisse wurde zwar bereits 1989 beschlossen, jedoch erst 2003 bzw. 2006 umgesetzt. Seit 2007 besteht die Gedenkstätte in ihrer heutigen Form.
Seminar: „Ein Täter, Mitläufer, Zuschauer, Opfer in der Familie?“
Das eintägige Rechercheseminar, das seit 2009 zweimal jährlich stattfindet, richtet sich an Menschen, die sich mit der Rolle ihrer Familienangehörigen im Nationalsozialismus auseinandersetzen möchten. Ziel ist es, das oft über Generationen bestehende Schweigen aufzubrechen.
In einer Gruppe von etwa 40 Teilnehmenden vermittelten die Historiker Dr. Reimer Möller und Prof. Dr. Oliver von Wrochem sowohl historische Hintergründe als auch konkrete Ansätze zur eigenen Recherche. Die Mitgliedschaft in der NSDAP kann einfach über www.zeit.de/wissen/2026-04/nsdap-mitgliederkartei-familienmitglieder-suche ermittelt werden. Allerdings sind 20 % der Karteikarten verschollen. Die Aufnahme in die NSDAP war restriktiv, d. h., nur 10 % der Deutschen sollten Parteimitglieder sein, um den „elitären“ Charakter der Partei zu bewahren. Dementsprechend gab es Zeiten, in denen wegen der großen Nachfrage Aufnahmestopp herrschte.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf den Entnazifizierungsverfahren (1945–1953), bei denen die Betroffenen in Kategorien wie Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer oder Entlastete eingeteilt wurden. Ab 1947 stellten viele Täter einen Wiederaufnahmeantrag, weil sie die Bestrafung als zu streng empfanden (z. B. Berufsverbot). Aber auch wegen fehlender Arbeitskräfte, der „Nachsicht“ deutscher Behörden und des Kalten Krieges wurden viele Täter (mit Hilfe von „Persilscheinen“) schnell wieder in die Gesellschaft integriert. Dies führte, wie wir heute wissen, dazu, dass in vielen öffentlichen Positionen (u. a. Staat, Justiz, Medizin, Schule) mit kurzer oder gar ohne Unterbrechung (wieder) Nationalsozialisten tätig waren.
Gesprächsseminar: „Täter*innen in der Familie?“
Das zweimal jährlich angebotene zweitägige Gesprächsseminar ermöglicht eine vertiefte persönliche Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte. Im Seminar können Teilnehmende über ihre Erfahrungen im Umgang mit dem moralischen Erbe des Nationalsozialismus berichten und Fragen von Nähe, Distanz und Verantwortung gegenüber früheren Generationen reflektieren.
Im Seminar April 2026 nahmen elf Personen teil, in diesem Fall ungewöhnlich ausgewogen hinsichtlich der Geschlechterverteilung. Geleitet wurde die Veranstaltung von Karin Heddinga, die seit vielen Jahren an der Gedenkstätte tätig ist, sowie von der Co-Leiterin Paula, die selbst eigene Erfahrungen als Angehörige einer Täterfamilie einbringt.
Der Einstieg erfolgte über verschiedene gruppendynamische Übungen, die halfen, die Anspannung, die uns vermutlich alle erfasst hatte, etwas zu regulieren. Anschließend stellte jede*r kurz die eigene Motivation vor, an diesem Seminar teilzunehmen. Es wurde deutlich, wie unterschiedlich die Ausgangssituationen sind. Die Bandbreite des Wissens über mögliche Täterschaft in der Familie reichte von konkreten Nachweisen bis hin zu vagen Ahnungen. Trotz dieser Unterschiede zeigte sich ein gemeinsames Muster: Häufig bestehen ein langjähriges Schweigen innerhalb der Familien sowie emotionale Belastungen und Loyalitätskonflikte. Für viele wurde bereits hier spürbar, wie entlastend es sein kann, mit diesen Erfahrungen nicht allein zu sein.
Zur weiteren Vertiefung wurden persönliche Zugänge zur eigenen Geschichte kreativ aufgearbeitet. Dazu gestalteten wir Plakate, auf denen wir den Beginn unserer Auseinandersetzung mit dem Thema sowie dessen Entwicklung im Laufe unseres Lebens darstellten. Diese wurden anschließend in der Gruppe vorgestellt, was eine gemeinsame Reflexion über den Umgang mit der familiären Vergangenheit ermöglichte.
Am zweiten Tag ergänzte ein Vortrag des Journalisten Sven Rohde das Programm. Er arbeitet als Coach zum Thema „Gefühlserbschaften des Nationalsozialismus“ und berichtete aus seiner Praxis sowie aus eigenen Erfahrungen. Den Abschluss bildete eine Gruppenarbeit zu zentralen Fragestellungen: Wie können Gespräche innerhalb der Familie gelingen? Welche Rolle spielen emotionale „Erbschaften“? Wie kann Verantwortung heute gestaltet werden?
Fazit
Beide Seminare stellen ein besonderes Angebot innerhalb der Bildungsarbeit von Gedenkstätten dar. Das Rechercheseminar bietet insbesondere für Einsteiger*innen hilfreiche Orientierung und konkrete Ansatzpunkte. Das Gesprächsseminar schafft einen geschützten Raum für persönlichen Austausch und die Erfahrung, mit den eigenen Fragen und Belastungen nicht allein zu sein.
Die strukturierte Gestaltung der Seminare unterstützt dabei, sich schrittweise und begleitet mit einem anspruchsvollen Thema auseinanderzusetzen. Dies ist besonders hilfreich für Menschen, die am Beginn ihrer persönlichen Auseinandersetzung stehen. Für mich persönlich kam jedoch dadurch die Möglichkeit für freies und damit Selbsterfahrung ermöglichendes Gespräch etwas zu kurz.
Almut Gessler-Engelbrecht
almut.gessler@t-online.de